Handwerk und Terroir: Junges Schwaben und ihre Spitzenweine

Winzer, Weine, Originale – heute berichten wir dir über die Winzergruppe Junges Schwaben. Die fünf jungen Wilden des schwäbischen Weinbaus haben 2020 ihre alljährliche Verkostung und Präsentation ihrer neuen „Signaturweine“ (auch vertikal) in den Stuttgarter Wagenhallen veranstaltet. Die vielfach ausgezeichneten Winzer, deren Signaturweine seit 17 Jahren zu den am meisten beachteten Produkten württembergischer Weinkunst gehören, hatten uns zu diesem tollen Event eingeladen.

[Anzeige]

Handwerklich hergestellte und das Terroir betonende Weine sind das Signet der Jungen Schwaben. Hör unseren Bericht live aus der einzigartigen Atmosphäre der renovierten Wagenhallen in Stuttgart inklusive Verkostung der aktuellen Signaturweine, bei denen jedes Weingut seine besondere Spezialität ausspielt, in unserer Podcastfolge 141 🎧

So jung – das ist keineswegs despektierlich gemeint, wir (Jahrgang 64/66) können uns das leisten 😊 – sind die Jungen Schwaben mit Jahrgängen von 1967 bis 1975 eigentlich gar nicht mehr. Aber es kommt vielmehr auf den immer noch jungen Ansatz der Winzer an, die vor 18 Jahren angefangen haben, sich aus der eher behäbigen, klassisch-württembergischen „Lemberger-Attitüde“ herauszuschälen und neue Stile, eine neue Art von Weinmachen zu forcieren, die vor allem eins betont: Terroir, Terroir, Terroir!

Diese Philosophie kulminiert insbesondere bei den Signaturweinen, von denen jeder Winzer einen für die Gruppe macht: Ungewöhnlich dichte und vielschichtige Kreszenzen mit der ganz persönlichen Handschrift, die sich durch hervorragende Lagerfähigkeit auszeichnen.

Sehr gut gelungen ist in den Stuttgarter Wagenhallen die Mischung aus Alt & Neu: Das traditionelle des Weinbaus in der historischen Location, gepaart mit frischen Farben und offen sichtbarer modernster Licht-, Ton- und Klima Technik sowie kulinarischen Angeboten hat aus unserer Wahrnehmung super harmoniert.

Mit dem Sauvignon Blanc haben wir den ersten Signaturwein der Gruppe Junges Schwaben im Glas; einen sortenreinen Weißen von Sven Ellwanger. Das Weingut Ellwanger in Weinstadt-Großheppach ist vom VINUM-Weinführer zum „Aufsteiger des Jahres in Württemberg“ gekürt worden.

Nach neun Monaten Spontangärung in 300 l und 500 l Holzfässern und anschließenden fünf Monaten Ausbau im Edelstahltank steht der Wein goldgelb und strahlend im Glas. In der Nase nimmt man gleich das Holz wahr, welches aber sehr schön eingebunden ist und fast schon cremig zu riechen scheint. Stachelbeere und Cassis Noten, zu denen sich Limette und Grapefruit gesellen. Das schmeichelhaft cremige Holz ist mit schönen Fruchtaromen lange präsent am Gaumen.

Angekündigt mit einem wahren Feuerwerk von exotischen Früchten und kräuterig-vegetabilen Noten offenbart der SB eine sehr komplexe Textur, saftig fette Fruchtaromen mit Tiefgang. Im Vergleich zu vielen Weißweinen aus Südafrika hat Sven Ellwanger hier für uns sehr gut mit dem Holz gearbeitet, der Wein ist keineswegs „over-oaked“, sondern spiegelt sein Terroir und die Mineralität des Stubensandsteins, auf dem die Beeren gewachsen sind.

Eine überraschend positive Erfahrung war für uns der Syrah 2017 aus dem Gewand Klingenberg, dem 2002 angelegten, ältesten Syrah-Weinberg des Weinguts. Ellwanger spricht hier zu Recht noch nicht von „alten“ Reben, denn die knorzigen Rebstöcke mit 50, 70 oder noch mehr Jahren, die wir z.B. aus dem Rhônetal und Châteauneuf du Pape, aus Gigondas und Vacqueyras kennen, zaubern noch einen Hauch mehr Aromenkomplexität in die Flasche, wenn der Winzer sie versteht.

Aber dieser Weinberg ist inzwischen immerhin volljährig und hat langsam das Alter, um für eine schöne Struktur im Syrah aus dem Remstal zu sorgen. Der Ertrag wird radikal um 60% reduziert, damit der Rest der Reben voll ausreifen kann – das tut dem Wein sehr gut und ist schon deshalb seinen Preis absolut wert.

4-5 Woche im Holz auf der Maische vergoren und zwei Jahre im Holzfass gereift, wandert der Syrah unfiltriert in die Flasche. Die Nase ist sehr schön, etwas verhalten, hat aber die typischen Syrah-Attribute von Pfeffer und Cassis. Am Gaumen schmeicheln die Tannine, ein eher softer Vertreter mit leicht würzigen Noten. 

Sven Ellwanger beschreibt seinen Syrah auch eher mit dem Rhône-Stil als der Neuen Welt. Die Rebe braucht viel Wärme zum Reifen, bekommt im Remstal aber auch kalte Nächte, die die Fruchtsäure schön in Szene setzen.

Jochen Beurer vom Weingut Beurer in Kernen-Stetten hat sich auf Riesling spezialisiert. Stephan Reinhardt, Weinkolumnist beim Robert Parker Wine Advocate, schreibt über ihn: „.. seine Rieslinge sind ein Spiegel der großen Terroirs aus dem Remstal und gehören daher für mich zu den charaktervollsten Rieslingen Deutschlands. Ich möchte sie nicht mehr missen.“

Wir haben den Riesling 2018 probiert, der gerade frisch auf die Flasche abgefüllt war und noch kein Etikett trug.

Betina fand in der Nase ein Potpourri aus Nüssen, Mandeln, Honig, ein wenig Blüten und auch etwas Ananas. Auch im Mund sind diese Aromen klar erkennbar, die Säure ist spürbar, aber nicht mit dem Gefühl, dass sie spitzig und unverträglich ist, eher kernig, aber kompakt und verträglicher als bei anderen Rieslingen, die wir probiert haben.

Für Burkhard war der Wein noch etwas rauhbeinig, aber unheimlich interessant, sehr komplex mit einem tollen Fruchtpotpourri, auch kräuterigen Aromen und Mineralität. Ganz klar: Dieser Wein braucht noch Zeit, um sich zu entwickeln.

Deshalb waren wir gespannt auf die Vertikalverkostung mit einem 2012er Riesling! 8 Jahre alt, immer noch ganz frisch und lebendig, aber viel runder und reifer, reifer Pfirsich, reife Ananas, schon leicht angezuckert, cremig, die Säure schön eingebunden, ist dieser Jahrgang deutlich angenehmer. Wenn der 2018er sich so entwickelt, wird er auch zu einem großen Genuss!

Das Weingut Zipf aus Löwenstein ist im Gault & Millau in die “zwei Trauben” Kategorie aufgestiegen.

Jürgen Zipf´s Signaturwein für Junges Schwaben ist ein 2016er Rotwein Cuvée trocken aus Lemberger, Spätburgunder, Merlot und Cabernet: Kaltmazeration, Maischegärung, 22 Monate im Barrique (80% neues Holz), und unfiltriert abgefüllt. 

Zipf hat sich für eine rote Cuvée entschieden, weil er experimentierfreudig ist und verschiedene Sorten-Charaktere zu einer runden Einheit zusammenfügen will: Regionale Sorten bilden den Schwerpunkt, aber er ist eben auch aufgeschlossen für internationale Reben.

Der 2016er ist noch jung und braucht 3-4 Stunden Luft in der Karaffe zum Atmen, der 2012er zeigt im Vergleich, wo sich der Wein hin entwickeln kann – die gute Nachricht: Es gibt den 2012er noch zu kaufen 😊

Rainer Wachtstetter vom Weingut Wachtstetter aus Pfaffenhofen hat uns seinen Lemberger ins Glas gefüllt. Im Feinschmecker Januar 2020 ist sein 2017 Pfaffenhofener Mühlberg Riesling GG als einer der besten 10 Rieslinge Deutschlands empfohlen worden. Er hat auch ein wenig darüber geplaudert, wie Junges Schwaben entstanden ist. Zusammengekommen sind die fünf Freunde durch die ProWein, weil sie Kosten sparen wollten bei den Messestand-Gebühren, in 2002 wurden dann die Signaturweine zum ersten Mal gekeltert. 

Die Winzer haben natürlich gespürt, dass sie in der Gruppe mehr Aufmerksamkeit erfahren und sich dann mit ihren Signaturweinen durch ein bewusstes Absetzen von der klassisch schwäbisch alten Weinmachart weiterentwickelt. Neue Wege zu gehen, sei anfangs nicht einfach gewesen, sie hätten erstmal aus dem Ländle rausgehen müssen, weil der Prophet im eignen Land bekanntlich nichts zählt, berichtet Wachtstetter. Als dann woanders die Weinliebhaber bemerkt haben, was dort in Württemberg gerade Großes entsteht, habe dies auf die Heimat abgefärbt.

Für ihn ist es sehr wichtig, dass jedes Jahr die Aushängeschilder neu präsentiert werden. Sein Weingut trägt zu fast 40% Lemberger; die Südhänge im Zabergäu mit viel Schilfsandstein und Gipskeuper sind perfekt für viel Pfeffer, Kraft und Fülle, gepaart mit Holz 

Natürlich ist deshalb Wachtstetter´s Signaturwein der Pfaffenhofen Hohenberg Lemberger Junges Schwaben trocken: Traditionelle Maischegärung, zwei Jahre im Barrique ausgebaut, unfiltriert abgefüllt. Der Wein hat richtig Charakter, das Holz ist präsent, aber nicht dominant, und er ist (das ist aus unserem Mund immer als Kompliment gemeint!) leicht mediterran anmutend. Ein schmeichelndes, anhaltendes Mundgefühl mit Aromen von Thymian lies Betina sofort an Lammkoteletts vom Grill denken 😊

Hans Hengerer vom Weingut Kistenmacher & Hengerer aus Heilbronn geht mit einem Spätburgunder für Junges Schwaben an den Start. Der 2018 Chardonnay von Hengerer wurde vom Focus mit dem besten Preis/Leistungsverhältnis in die Top Ten gewählt.

Unter vielen Aromen wird beim Spätburgunder auch Kreuzkümmel versprochen. Hier muss man die Phantasie schon anstrengen, um diese Note wahrzunehmen. Betina hatte trotzdem eine Gewürze-Mischung sowie Kirsche in der Nase, elegant und frisch im Mund, kann sie sich den Spätburgunder durchaus leicht gekühlt auf der Terrasse vorstellen. Zumal er die für Pinot Noir typische Mandelnote interessanterweise und für sie angenehmerweise nicht zeigt.

Für Burkhard ist der Wein am Gaumen interessanter als in der Nase, wirklich saftig für einen Spätburgunder, richtig komplex und dicht, mit einer sehr runden Frucht von Beeren und Kirchen sowie einer schönen Pfeffernote. 

Hans Hengerer hat uns erzählt, dass der Blaue Spätburgunder in Heilbronn eine der traditionellen Rebsorten ist: Der Doktorarbeit von Theodor Heuss über den “Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn am Neckar” enthält eine Rebsortenliste aus 1870, die beweist, dass der größte Anteil aus Spätburgunder bestand – und nicht Trollinger, wie man gemeinhin vermuten würde!

Der Ausbau erfolgt ganz traditionell, im Weinberg soll möglichst optimale Qualität erzeugt werden, die Lese ist sehr selektiv, Maischegärung, Reifung im Holzfass für fast 2 Jahre und anschließend 1-2 Jahre Flaschenreife.

Bei Jessica Gleich haben wir noch die brandneue „Riesling-Brause“ verkostet, ein neuer alkoholfreier und prickelnder Riesling-Genuss mit Auszügen von Birkenblättern, verschiedenen Weinbergskräutern sowie Holunderblüten. Außerdem enthält der leckere Autofahrer-Aperitif entalkoholisierten Wein und Most, der eine angenehme Säure beisteuert. Durch einen geringen Restzuckergehalt ist die Brause nicht so süß und sehr süffig.

Für alle die ohne Alkohol anstoßen und genießen wollen, eine tolle neue Alternative zu Sekt & Co, die als Gemeinschaftsprojekt mit der Manufaktur Jörg Geiger aus Schlat entstanden ist.

Nicht nur die insgesamt über 60 Weine der fünf Freunde waren zu probieren, drumherum gab´s noch viel mehr: Von der Senfmanufaktur zu Bio Bäcker und Bio Schinken, vom Kaffee zur Schokolade:

Auch die Kunst ist ein guter Partner für das Thema Wein: Gleich am Eingang fand sich ein Stand mit sehr außergewöhnlichen und außergewöhnlich schönen Naturstein-Fotografien.

Betina erblickte außerdem das „grimmige Einhorn“, welches du hier nicht auf den Bildern siehst. Das ist im Gespräch mit einem Winzer ganz untergegangen. Ich wollte es eigentlich fotografieren.

Alles in allem eine sehr gelungene Veranstaltung aus Weinverkostung, Nebenher-Genuss und Ambiente! Es lohnt sich wirklich, bei den Jungen Schwaben einmal vorbei zu schauen und vor allem die nächste Präsentation 2021 vorzumerken!

Teile diesen Beitrag